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Kann man lesen, muss man nicht
• • • • • (bewertet mit 3 von 5 Punkten)
Trotz der Tatsache, daß die bisherigen Rezensionen fast allesamt euphorisch und positiv ausgefallen sind, wage ich mich mit einer ernüchternderen Meinung an die Öffentlichkeit.
"Große Erwartungen", die hatte auch ich beim Kauf meines ersten Romanes von Dickens, jener hochgelobte britische Autor, dessen Werke heute vor allem Klassiker der Kinderliteratur sind. Hierin liegt womöglich auch schon das erste Problem: es ist ein Kinderbuch, und darüber sollte man sich vorab im Klaren sein. Das ist keineswegs abwertend gemeint, man muss sich nur bewusst sein, daß es eben Unterschiede gibt.
Fangen wir bei den Charakteren an. Dickens bedient sich bei etlichen Figuren zahlreicher Klischees, ansonsten kommen sie hohl daher und dienen nur dazu, dem Kind eine moralische Lektion zu erteilen. Generell zeichnen sich die Figuren nicht besonders durch Tiefgründigkeit aus, jedem wird hier ein Stempel aufgedrückt und genau diesem entsprechend verhält sich der Charakter im Verlauf der Handlung immerzu - Überraschungen oder Entwicklungen Fehlanzeige. Immerhin ist es Dickens gelungen, einige sehr verschrobene Figuren zu entwerfen, die dem Roman die nötige Prise Humor verleihen.
Die Hauptfigur, Pip. Es erleichtert die Lektüre nicht gerade, wenn der Hauptcharakter, der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, einem von Anfang bis Ende absolut unsympathisch ist. Zum Teil war es von Dickens sicher beabsichtigt, zwecks späterer Entwicklung zum Besseren, dennoch fand ich nie einen Draht zu Pip. Was mir aber besonders sauer aufstieß, ist sein stellenweise völlig abstruses Verhalten.
Quasi beim ersten Anblick Estellas verliebt er sich unsterblich in sie. Ob so etwas in seinem Alter möglich ist, ob man als kleines Kind überhaupt schon eine Vorstellung von Liebe hat, sei mal dahingestellt. Außerdem ist das Einzige, was man Estella zugute schreiben könnte ihre Schönheit, ansonsten gibt sie sich überheblich, unnahbar und so zwangsläufig uninteressant. Aber gut, Pip liebt sie eben, lassen wir ihm das durchgehen.
Sobald der unbekannte Förderer in die Geschichte eintritt, bei Pip große Erwartungen geweckt werden und eine aussichtsreiche Zukunft möglich erscheinen lässt, entscheidet sich Pip ebenso plötzlich wie er sich verliebt hat, alles hinter sich zu lassen. Die "einfachen" Menschen, mit denen er sein ganzes Leben zugebracht haben, sind ihm auf einmal peinlich, seine eigene Herkunft ein Grund sich zu schämen. Er empfindet geradezu Abscheu. Für mich ist solch ein Verhalten völlig unglaubwürdig. Nun mag sich einer dieses Verhalten mit dem Umstand erklären, daß Pip eben noch ein Kind war - und mein Name ist auch nicht Freud. In meinen Augen ist es gerade deshalb so abstrus, weil er noch ein Kind war, weil sein "Elternhaus" durchaus ordentlich war, weil ihm Joe und später auch Biddy so sehr am Herzen lagen, und er all dies ohne zu zögern von einem Moment auf den anderen aufgibt, und den Kontakt nahezu vollständig abbricht.
Leider macht die Geschichte solche unverständlichen Entscheidungen notwendig. Ohne diese keine Geschichte, keine spätere Reue, keine Katharsis, keine Moral, die man aus alldem ziehen könnte. Schade nur, daß Dickens es nicht glaubwürdiger gestaltet hat.
Zur eigentlichen Geschichte. Hier möchte ich nicht viel anmerken, schließlich gibt es genug hervorragende inhaltliche Zusammenfassungen. Nur soviel: was bei vielen Klassikern vorkommt, tritt hier besonders krass in Erscheinung. Alles ist über die Maßen konstruiert, gerade zum Ende hin häufen sich die aberwitzigen Zufälle. Der Schluss selbst liegt in einer Art Happy End vor, das mich sehr verärgert hat, weil es zum bisherigen Verlauf der Geschichte nicht passt und aufgesetzt wirkt. Ich hätte Dickens mehr Konsequenz gewünscht.
Charles Dickens' Stil. Sprachlich schön gemacht. Man könnte bemängeln, das er zuweilen sehr geschwätzig ist, der Roman auch gut hundert Seiten kürzer ausfallen und etwas mehr Schliff hätte vertragen können. Mitunter stellte sich Langeweile ein und die Lektüre ging in manchem Kapitel nur mühsam voran. Nichtsdestotrotz insgesamt gelungen und gefällig.
Was sich wie ein Verriss lesen mag, ist alles andere als das. Nur habe ich mich von den vielen positiven Rezensionen irreführen lassen, und möchte anderen eine eventuelle Enttäuschung ersparen. Grundsätzlich ist es nämlich immer ratsam, die Erwartungen nicht zu sehr zu schüren.
Am besten lässt sich mein Eindruck mit "ganz nett" umschreiben. Gefallen haben mir an etlichen Stellen der Humor und die zwei oder drei herrlich überdrehten Charaktere. Ein unterhaltsamer, nicht besonders tiefgründiger Schmöker - insgesamt zu wenig, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Positive und negative Aspekte halten sich in etwa die Waage, deshalb auch "nur" drei Sterne.
Eine Rezension von Melville >
vom 30. Mai 2009 | | |
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